Finazent

Berufsunfähigkeitsversicherung: Für wen sie sich wirklich lohnt

Die BU gilt als teuer und kompliziert. Warum sie für die meisten Berufstätigen trotzdem die wichtigste Versicherung nach der Haftpflicht ist, welche Klauseln zählen und woran Anträge scheitern.

Finazent Redaktion5 Min. Lesezeit
Schützendes Schild über Unterlagen auf einem hellen Schreibtisch, Sinnbild für die Absicherung der Arbeitskraft

Deine Arbeitskraft ist der wertvollste Besitz, den du hast. Wer mit 30 noch 37 Jahre bis zur Rente vor sich hat und 3.000 Euro netto verdient, verdient in dieser Zeit weit über eine Million Euro. Fällt diese Einnahme weg, hilft kein Sparbuch lange.

Genau dafür gibt es die Berufsunfähigkeitsversicherung. Sie zahlt eine monatliche Rente, wenn du deinen zuletzt ausgeübten Beruf zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausüben kannst.

Warum der Staat nicht einspringt

Ein verbreiteter Irrtum: Wer nicht mehr arbeiten kann, bekommt vom Staat schon irgendetwas. Das stimmt nur eingeschränkt.

Wer nach 1960 geboren ist, hat keinen Anspruch mehr auf eine Berufsunfähigkeitsrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Es gibt nur noch die Erwerbsminderungsrente, und die richtet sich nicht nach deinem Beruf, sondern danach, ob du überhaupt noch irgendeine Tätigkeit ausüben kannst.

Restliche ArbeitsfähigkeitGesetzliche Leistung
unter 3 Stunden täglichvolle Erwerbsminderungsrente
3 bis unter 6 Stundenhalbe Erwerbsminderungsrente
6 Stunden und mehrkeine Leistung

Entscheidend ist dabei irgendeine Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Eine Dachdeckerin, die nicht mehr aufs Dach kann, aber sechs Stunden an einer Pforte sitzen könnte, bekommt nichts. Wer 2024 eine volle Erwerbsminderungsrente erhielt, bekam im Schnitt gut 1.000 Euro im Monat, oft weniger als die Miete.

Für wen sich der Abschluss lohnt

Kurz gesagt: für jeden, der von seinem Einkommen lebt und keine Vermögensreserve hat, die Jahrzehnte trägt. Besonders dringend ist sie für drei Gruppen.

  • Berufseinsteiger und Studierende. Wer jung und gesund abschließt, zahlt am wenigsten und kommt ohne Ausschlüsse durch die Gesundheitsprüfung. Wer erst mit 45 anfragt, zahlt ein Vielfaches oder wird abgelehnt.
  • Selbstständige. Sie haben oft gar keine gesetzliche Absicherung, weil sie nicht pflichtversichert sind.
  • Alleinverdienende in Familien. Hier hängt nicht ein Einkommen am Berufsleben, sondern ein ganzer Haushalt.

Weniger dringend ist sie für Menschen kurz vor der Rente, für Beamte mit Dienstunfähigkeitsklausel über ihre Dienstherrin und für alle, die ihr Leben ohnehin aus Vermögenserträgen bestreiten könnten.

Die drei Klauseln, auf die es ankommt

Der Preisunterschied zwischen Tarifen erklärt sich selten über die Leistung im Schadensfall, sondern über Bedingungen, die man beim Abschluss nicht liest.

Verzicht auf abstrakte Verweisung. Ohne diesen Verzicht darf der Versicherer dich auf einen anderen Beruf verweisen, den du theoretisch noch ausüben könntest, auch wenn du ihn nie ausgeübt hast und dort niemand dich einstellen würde. Dieser Verzicht ist heute Standard, fehlt aber in günstigen Tarifen gelegentlich noch.

Nachversicherungsgarantie. Sie erlaubt dir, die Rente ohne erneute Gesundheitsprüfung zu erhöhen, wenn sich dein Leben ändert: Heirat, Geburt eines Kindes, Gehaltssprung, Immobilienkauf. Ohne sie ist die Rente, die du mit 25 abgeschlossen hast, mit 40 zu klein.

Prognosezeitraum. Üblich sind sechs Monate. Das heißt, du musst voraussichtlich sechs Monate berufsunfähig sein, damit gezahlt wird. Tarife mit längeren Zeiträumen verzögern die Leistung erheblich.

Wie hoch die Rente sein sollte

Als Faustregel gelten 60 bis 80 Prozent deines Nettoeinkommens. Zwei Gründe sprechen gegen weniger: Die BU-Rente ist steuerpflichtig, wenn auch meist nur mit dem geringen Ertragsanteil, und aus ihr musst du weiterhin Kranken- und Pflegeversicherung zahlen.

Die Laufzeit sollte bis zum regulären Rentenbeginn reichen, also meist bis 67. Ein früheres Ende senkt den Beitrag spürbar, lässt aber genau die Jahre offen, in denen das Risiko am höchsten ist.

Woran Anträge scheitern

Der häufigste Grund ist nicht der Preis, sondern die Gesundheitsprüfung. Gefragt wird üblicherweise nach Behandlungen der letzten fünf Jahre, bei Psyche und Rücken oft nach zehn.

Zwei Fehler kosten hier den Versicherungsschutz:

  1. Unvollständige Angaben. Wer eine Behandlung vergisst, riskiert, dass der Versicherer im Leistungsfall wegen Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht aussteigt. Frag deine Krankenkasse nach einer Aufstellung der abgerechneten Leistungen, bevor du den Antrag ausfüllst.
  2. Mehrere Anträge gleichzeitig. Eine Ablehnung wird in der Hinweis- und Informationsdatenbank der Versicherer vermerkt und erschwert jeden weiteren Antrag. Üblich ist deshalb eine anonyme Risikovoranfrage, bevor ein echter Antrag gestellt wird.

Das Wichtigste in Kürze

Die BU ist für alle, die von ihrer Arbeit leben, die wichtigste Versicherung nach der Privathaftpflicht. Die gesetzliche Erwerbsminderungsrente ersetzt sie nicht, weil sie den erlernten Beruf gar nicht berücksichtigt.

Beim Vergleich zählen drei Punkte mehr als der Beitrag: Verzicht auf abstrakte Verweisung, eine starke Nachversicherungsgarantie und ein Prognosezeitraum von sechs Monaten. Schließe so früh wie möglich ab und bereite die Gesundheitsfragen sorgfältig vor, am besten über eine anonyme Voranfrage.

Häufige Fragen

Ab wann zahlt die Berufsunfähigkeitsversicherung?
Wenn du deinen zuletzt ausgeübten Beruf voraussichtlich mindestens sechs Monate zu mindestens 50 Prozent nicht mehr ausüben kannst. Maßgeblich ist der Beruf, wie du ihn zuletzt tatsächlich ausgeübt hast, nicht die Berufsbezeichnung.
Wie hoch sollte die versicherte Rente sein?
Üblich sind 60 bis 80 Prozent des Nettoeinkommens. Aus der Rente zahlst du weiterhin Kranken- und Pflegeversicherung, und sie ist mit dem Ertragsanteil steuerpflichtig. Deshalb sollte sie nicht zu knapp kalkuliert sein.
Was passiert, wenn ich eine Erkrankung vergessen habe anzugeben?
Der Versicherer kann bei Verletzung der vorvertraglichen Anzeigepflicht vom Vertrag zurücktreten oder die Leistung verweigern. Hol dir vor dem Antrag eine Aufstellung deiner Krankenkasse, damit nichts übersehen wird.
Lohnt sich eine BU noch mit 50?
Sie wird deutlich teurer und die Gesundheitsprüfung strenger, ausgeschlossen ist sie aber nicht. Wenn noch 15 Berufsjahre vor dir liegen und kein Vermögen da ist, das diese Zeit trägt, kann sie sich weiterhin rechnen.
Was ist der Unterschied zur Erwerbsunfähigkeitsversicherung?
Die Erwerbsunfähigkeitsversicherung zahlt erst, wenn du überhaupt keiner Tätigkeit mehr nachgehen kannst. Sie ist günstiger, greift aber in deutlich weniger Fällen und ist deshalb nur eine Notlösung.

Über den Autor

Finazent Redaktion

Redaktion

Die Redaktion von Finazent recherchiert Konditionen, prüft Anbieterangaben gegen die offiziellen Preis- und Leistungsverzeichnisse und schreibt daraus verständliche Ratgeber.

Das könnte dich auch interessieren